Multikultureller Event
Filmreife Hochzeit
Anja und Vivek • 03/04. Juli 2008 • Anif bei Salzburg

Fotos: Stephan Rauch

       
 

 

   

Hinduistische Trauungszeremonie
Sehr geehrter Gast,
vielen Dank für Deine Anwesenheit bei dieser viel versprechenden
Hochzeitszeremonie von unseren Kindern – Anja and Vivek. Dies ist eine
typische südindische Brahmin-Hochzeit. Einige der Rituale sind etwas
verändert und zusammengefasst worden, um zeitgemäß zu sein. Damit Du die
Zeremonie in vollen Zügen genießen kannst, haben wir eine kurze
Beschreibung von dem was Du erleben wirst und dem Symbolismus beigefügt.

1 | Vorhochzeitliche Rituale

Ganesh Puja & Sankalpam
Vor dem Beginn eines jeden spirituellen Ereignisses wird Ganesh (der
Elefanten-Lord von dem Anfang) angebetet, um alle Hindernisse fern zu
halten. Dies ist der Auftakt des Tages zur Klärung des Geistes, um die
folgenden Handlungsverläufe durchzuführen.

Paalikai (Saat aussähen)
Paalikai ist ein Fruchtbarkeitsritual. Paalikais sind Tongefäße, die am Vortag
zubereitet wurden: Harili Gras und Bael Blätter (vilvam) wurden auf dem
Boden der Tongefäße gegeben. Neun verschiedene, zuvor eingeweichte
Gemüse wurden rituell von Sumangalis (verheirateten Frauen) in die
Tongefäße gesät. Nach der Hochzeit werden die gesprossenen Keimlinge in
einen Fluss oder See gegeben. Dieses Ritual erbittet die Segnungen von den
acht Richtungen und die der beschützenden Engel für ein gesundes Leben und
Nachkommen.

Vratham (heilige Gelöbnisse)
Die Hochzeitszeremonien beginnen mit dem Vratham, das separat von der
Braut und dem Bräutigam durchgeführt wird. Für die Braut bedeutet das die
Verknotung der Kappu, dem heiligen Faden an ihrem Handgelenk, der alle
bösen Geister vertreiben soll. Es symbolisiert eine Art Schutzschild für die
Braut. Für den Bräutigam beginnt die Vratham mit dem Beschwören von
verschiedenen Göttern – Indra, Soma, Chandra, Agni etc. Danach bereitet sich
der Bräutigam auf seinen neuen Lebensabschnitt als Grihasta oder dem
Haushaltsoberhaupt vor. Dies bedeutet das Ende von Brahmacharya oder dem
zölibatären Junggesellendasein.

Kasi Yathra
Dies ist ein sehr wichtiger Teil von der Zeremonie. Sofort nach seinen
Studententagen hat der junge Junggeselle zwei Optionen: Eheleben (Grihasta)
oder Askese (Sanyas). Da er ein Entflieher ist, bevorzugt der Junggeselle das
enthaltsame Leben gegenüber den Widerwärtigkeiten des Ehelebens. Darum
macht er sich auf zu einer Reise nach Kasi oder Varanasi, ausgestattet mit
Schlappen, Regenschirm und einem Bambusfächer. Auf seinem Weg kommt
ihm der Brautvater in die Quere und legt ihm die Vorteile eines Ehelebens dar.
Er verspricht ihm seine Tochter zu geben als Gefährtin für die
Herausforderungen des Lebens. Der Schirm bleibt beim Bräutigam, um ihn an
den klugen Rat zu erinnern.

Varamala
Der Austausch von Blumengirlanden zwischen der Braut und dem Bräutigam
wird nun vollzogen. Gemäß dem shastras oder alten Schriften soll eine
Girlande, die von einer Schulter getragen wird nicht für eine andere benutzt
werden. Hier bedeutet der Austausch der Girlanden die Vereinung von zwei
Seelen zu einer.

Vara puja & Kanya daan
Farbige Hügel aus gekochtem Reis werden in kreisenden Bewegungen
geschwenkt und dann zur Versöhnung der bösen Geister weggeworfen.
Die Braut, sitzend auf dem Schoss ihres Vaters, wird dem Bräutigam als
Geschenk gegeben. Ein Ring aus heiligem Kusha Grass (auch Darbha
genannt) wird auf den Kopf der Braut platziert, gefolgt von dem goldenen
mangalustra (Kettchen), das thaali genannt wird. Das dazu gesungene Mantra
bedeutet: „Lass dieses Gold Euer Vermögen verdoppeln! Lass dieses Wasser
Euer Eheleben reinigen und mag Euer Erfolg wachsen.“ Der Bräutigam
versichert ihrem Vater drei Mal, dass er für immer ihr Begleiter sein wird, in
guten und in schlechten Tagen in diesem Leben und danach.

 

2 | Hochzeitszeremonie

Maangalya Dharanam
In der bestimmten glückverheißenden Stunde knotet der Bräutigam das thaali
oder magalustra. Drei Koten werden gebunden – der erste bei dem Bräutigam,
die anderen beiden bei seinen weiblichen Cousinen. Durch diesen Akt lädt die
Cousine die Braut in ihre Familie ein und versichert ihr die gleiche Liebe, die
sie selbst von ihrer Familie erfährt. Die Vedic-Hymne die der Bräutigam aufsagt, während er den ersten Knoten bindet, bedeutet: „Ich bete zu dem Allmächtigen für ein langes Leben. Ich knote diesen Knoten um deinen Hals, Heilige. Meine Fürsorge beschenkt dich mit einem erfüllten Leben einer edlen Frau für hunderte von Jahren.“

Paani Grahanam & The Seven Steps (Sapta Padi)
Ihre Hand haltend singt der Bräutigam: "Die Götter haben Dich mir
angeboten, so dass ich ein idealer Ehemann sein kann. Mögen wir uns nicht
voneinander trennen, selbst nicht im hohen Alter.“
Sieben ist eine wichtige Zahl im Hinduismus. Anja und Vivek werden sieben
Mal um das Feuer (Agni Parinayai) gehen, nachdem Gottes Segen durch die
Opfergabe von samagree (ein scharfes Gemisch aus Sandelholz, Kräutern,
Zucker, Reis, Ghee und Zweigen) herbeigerufen wurde. Beide geben
Opfergaben in das Feuer, berühren des anderen Herz und beten für die
Vereinigung der Herzen und der Geister; zudem tragen sie Vedic-Hymnen als
Fürbitten für Reichtum, Glück und Treue für die Götter vor. Beim Gehen wird
Vivek folgendes sagen:
„Jetzt erstmal bringen sie in der Brautprozession das zu dir, Surya (Gott der
Sonnen), führe ihre Schritte in kreisender Bewegung. Gebe sie jetzt zurück, O
Agni (Gott des Feuer), zu ihrem Ehemann als rechtmäßige Ehefrau mit der
Hoffnung auf kommende Kinder.“
Das Ritual der „Sieben Schritte“ ist eines der wichtigsten Teile der Zeremonie,
bei dem Anja und Vivek sieben Schritte zusammen um das Feuer laufen und
für Segen beten. Die sieben Versprechen oder Schwüre sind die folgenden:
Mag Gott uns führen, damit wir (1.) unseren Haushalt versorgen und schützen,
(2.) physische und mentale Kraft entwickeln, (3) gerechten Wohlstand
erreichen, (4) Zufriedenheit, gegenseitige Liebe und Respekt finden, (5)
gesunde und gute Kinder haben, (6) Selbstbeherrschung und langes Leben
erlangen und (7) ehrlich, loyal und lebenslange Gefährten füreinander sein
werden.
Die Zeremonie schließt mit dem Gebet, dass die Vereinigung für ein Leben
lang ist. Am Ende des Gebetes werden Anja und Vivek als Mann und Frau
verkündet. Vivek steht über Anjas rechter Schulter und berührt ihr Herz
(Hradayaparsh) und erklärt: „Ich halte dein Herz in dienender Kameradschaft,
dein Geist folgt meinem Geist und meiner folgt Deinem. In meinem Wort
freust du dich mit ganzem Herzen. Du bist mit mir verbunden worden von
Gott, dem Herren aller Geschöpfe.“

 

 

3 | Feueropfer

Pradhaana Homam
Ein äußerst wichtiger Teil der Hochzeit ist die Huldigung von Seiten des
Paares von Agni, dem Feuer-Gott. Agni, die gewaltigste Kraft im Kosmos, der
heilige Reiniger und Wohltäter wird als Zeuge für die Trauung angesehen
(Agni Saakshi).

Shila Arohan

Ihren linken Zeh haltend, hilft der Bräutigam der Braut auf einen Mahlstein zu
treten, der rechts vom Feuer steht. Das Mantra besagt: „Besteige diesen Stein
meine Geliebte. Lasse dein Herz felsenfest sein, unerschüttert durch die
Prüfungen und Schwierigkeiten des Lebens.“

Laja-Homah – The Marriage Fire (Agni)
Das Hochzeitsfeuer, das den göttlichen Trauzeugen als auch die Heiligkeit der
Zeremonie repräsentiert, wird angezündet und Anja wird die Opferung von
getrocknetem Getreide (Laya Homa), eine Gabe von Nahrungsmittel für
Wohlstand, vollziehen. Anjas Cousin wird das Getreide in ihre Hand geben,
das seine immerwährende Unterstützung symbolisiert. Ihren Bräutigam
anschauend sagt Anja: „Dieses Getreide gebe in das Feuer. Mag es mir
Gesundheit bringen und Dich mit mir vereinen. Mag Agni uns anhören.“
Zum selben Zeitpunkt wird Anjas Cousin sanft Anjas Hand neigen und sie
wird das Getreide in das Feuer geben und sagen: „Diese Frau, die Getreide in
das Feuer streut, betet: Segne meinen Ehemann. Möge es meinen Verwandten
gut ergehen! Svaha!” Die Braut opfert nun den Puffreis für das Feuer. Durch
diese Nahrungsopferung hofft die Braut auf ein langes Leben für ihren Mann.
Das Paar geht drei Mal um das Feuer.

Überschüttung mit Reis und Blütenblättern
Zum Abschluss der Hochzeitszeremonie überschütten die eingeladenen Gäste
und Verwandten das Paar mit Reis und Blütenblättern. Das Paar kniet vor
allen Älteren und sucht ihren Segen.

 

 

Indische Musik

Klassische indische Musik hat ihren Ursprung 5.000 v. Chr. und ist aus dem
universellen „OM“ Klang entstanden. Sie entwickelte sich aus dem Gebrauch von Choren zum Aufruf der Götter zu einem ausgereiften und komplexen System von Ragas (Melodie) und Talas (Takt).

Raga
Raga bedeutet Atmosphäre, Farbe und Geist. In Indien verfolgt Musik mehr
einen wissenschaftlichen Ansatz mit auf- und absteigenden Sequenzen von
Tönen. Es gibt drei Sätze im Raga. Der erste heißt Alap. Mit einer langsamen
meditativen Einleitung, erst tiefe, dann hohe Töne, wird die Struktur des Ragas
entwickelt. Der Gat folgt mit dem Start des Tablaspiels. Hier etablieren die
Musiker einen Dialog und interaktives Spiel ihrer Melodien und Rhythmen.
Der Jhala ist das schnell gespielte Finale. Es ist die Klimax zu dem virtuosen
Höhepunkt, in welcher die Musiker ihr Talent und ihre Fähigkeiten zeigen.

Sitar
Die Sitar ist eines der berühmtesten nordischen Instrumente. Es ist in seiner
jetzigen Form seit über 700 Jahren bekannt. Ein getrockneter Kürbis formt den
Resonanzkörper und der lange Hals besteht aus Teeholz und beinhaltet ein
Fingerbrett mit 7 spielbaren Saiten und 13 Resonanzsaiten. Die Sitar wird mit
Hilfe eines Metallplättchens gespielt.

Tabla
Die Tabla ist eine Trommel, die aus zwei Teilen besteht. Die rechte
Handtrommel (Dayan) wird mit einem Hammer zum Basiston der Raga
gestimmt. Die verschiedenen Töne werden durch unterschiedliche
Schlagtechniken und -positionen erzeugt. Die linke Handtrommel ist die
Basstrommel und wird zusammen mit der Dayan in kunstvollen Variationen
gespielt.

 


Den ergänzenden weddingstyle-Artikel zu diesem wunderbaren Hochzeitsbericht können Sie in weddingstyle 02/09 lesen.

   

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